Die bunten Regale im Supermarkt versprechen pure Natur: „100% Frucht“, „Ohne Zusatzstoffe“, „Natürlicher Genuss“ – doch ein Blick auf die Zutatenliste vieler Fruchtsäfte offenbart eine komplexere Realität. Was als gesunde Alternative zu zuckerhaltigen Limonaden beworben wird, durchläuft industrielle Verarbeitungsprozesse, die Verbraucher kennen sollten.
Die Realität der modernen Saftherstellung
Moderne Fruchtsäfte entstehen durch verschiedene Herstellungsverfahren. Bei Direktsäften werden die Früchte gepresst, gefiltert und bei 80-85 Grad Celsius pasteurisiert, um schädliche Mikroorganismen abzutöten. Dieser Prozess macht den Saft ohne chemische Konservierungsstoffe haltbar.
Anders verhält es sich bei Säften aus Konzentrat: Hier wird dem frisch gepressten Saft zunächst Wasser entzogen, wodurch sich das Volumen auf etwa ein Sechstel reduziert. Die dabei freigesetzten Aromastoffe werden separat aufgefangen und gelagert. Am Zielort werden Konzentrat und Aroma mit Wasser rückverdünnt und pasteurisiert. Entgegen weit verbreiteter Mythen gehen die ursprünglichen Aromastoffe dabei nicht verloren, sondern werden gezielt wieder hinzugefügt.
Versteckte Süßungsmittel in vermeintlich gesunden Säften
Tatsächlich problematisch ist der Umgang mit alternativen Süßungsmitteln in „zuckerreduzierten“ Säften. Hersteller nutzen rechtliche Schlupflöcher und setzen Süßungsalternativen ein, die nicht als Zucker deklariert werden müssen:
- Fruktosesirup: Wird aus Maisstärke gewonnen und belastet die Leber stärker als normaler Haushaltszucker
- Agavendicksaft: Klingt natürlich, besteht aber zu 90 Prozent aus Fruktose
- Traubensüße: Konzentrierter Traubensaft mit extrem hohem Zuckergehalt
- Reissirup: Hochverarbeiteter Süßstoff mit hohem glykämischen Index
Diese Alternativen erscheinen unter harmlosen Namen auf der Zutatenliste, während der Saft als „ohne Zuckerzusatz“ beworben werden darf – eine rechtlich zulässige, aber verbraucherfeindliche Praxis.
Die Wahrheit über Konservierungsverfahren
Die weit verbreitete Behauptung, Fruchtsäfte seien voller chemischer Konservierungsstoffe, entspricht nicht der industriellen Realität. Pasteurisierung als Standard-Konservierungsverfahren macht moderne Fruchtsäfte hauptsächlich haltbar – die kurzzeitige Erhitzung auf über 85 Grad Celsius tötet unerwünschte Mikroorganismen ab, ganz ohne Einsatz von chemischen Konservierungsstoffen.
Zur Verbesserung der Saftausbeute setzen Hersteller verschiedene Enzyme ein, die beim Pressvorgang helfen. Diese müssen entsprechend den gesetzlichen Bestimmungen deklariert werden.

Rechtliche Grauzonen bei der Deklaration
Problematischer sind tatsächlich die gesetzlichen Schlupflöcher bei der Kennzeichnung. Verarbeitungshilfsstoffe, die während der Produktion verwendet, aber theoretisch wieder entfernt werden, müssen nicht zwingend deklariert werden. Dazu gehören bestimmte Klärungsmittel und Filterhilfsstoffe.
Besonders irreführend ist die Verwendung von Fruchtsaftkonzentraten verschiedener Obstsorten als natürliche Süßungsmittel. Ein Apfelsaft kann mit Trauben- oder Birnenkonzentrat gesüßt werden, ohne dass dies als „Zuckerzusatz“ gilt – für Allergiker und bewusste Verbraucher ein unsichtbares Problem.
Gesundheitliche Aspekte verstehen
Die gesundheitlichen Auswirkungen von Fruchtsäften hängen weniger von versteckten Chemikalien ab als vielmehr vom natürlich hohen Zuckergehalt. Auch reine Fruchtsäfte enthalten große Mengen Fruchtzucker, der den Blutzuckerspiegel stark beeinflusst und bei übermäßigem Konsum problematisch werden kann.
Künstliche Süßungsalternativen können diese Problematik sogar verstärken, da sie oft einen höheren Fruktoseanteil aufweisen als natürlicher Fruchtzucker.
Bewusster Einkauf im Supermarkt
Echte Transparenz schaffen Verbraucher durch sorgfältige Etikettenlektüre. Dabei sollten Sie auf folgende Warnsignale achten:
- Zutatenlisten mit mehr als fünf Bestandteilen
- E-Nummern verschiedener Art
- Alternative Süßungsbezeichnungen wie Agavendicksaft oder Reissirup
- Unspezifische Angaben bei den Zusatzstoffen
- Mischungen verschiedener Fruchtsorten ohne klare Kennzeichnung
Direktsäfte sind tatsächlich weniger verarbeitet als Säfte aus Konzentrat, durchlaufen aber ebenfalls die notwendige Pasteurisierung. Bio-Direktsäfte mit transparenter Herkunftsangabe bieten oft die beste Qualität, auch wenn sie preislich höher liegen.
Mythen von Fakten unterscheiden
Viele Horrorgeschichten über Fruchtsäfte beruhen auf Halbwahrheiten oder veralteten Informationen. Die moderne Saftindustrie arbeitet überwiegend mit physikalischen Konservierungsverfahren wie der Pasteurisierung, nicht mit chemischen Zusätzen.
Dennoch bleibt Vorsicht geboten: Die rechtlichen Möglichkeiten zur Verschleierung von Süßungsmitteln und die unklare Deklaration von Verarbeitungshilfsstoffen schaffen berechtigte Verbraucherverunsicherung. Wer sicher gehen möchte, greift zu klar deklarierten Bio-Direktsäften oder presst frische Früchte selbst.
Die Wahrheit liegt zwischen den Extremen: Fruchtsäfte sind weder das reine Naturprodukt, als das sie beworben werden, noch die Chemiebrühe, vor der manche warnen. Sie sind industriell verarbeitete Lebensmittel, die bewusst konsumiert werden sollten – in Maßen und mit Blick auf die Zutatenliste.
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